„Tatort: Wendehammer“: Der Polizeihund heißt Roland

Tatort BildNils Engels (großartig: Jan Krauter) ist nicht gerade beliebt in seiner Nachbarschaft. Geerbt hat er sein prunkvolles Gebäude, abgesichert mit unzähligen Kameras hat er es auch. Engels ist ein ängstlicher Mensch, Furcht hat er vor einem Unternehmen, das ihn nicht mehr unten den Lebendigen haben möchte. Engels war und ist IT-Spezialist, leitete einst ein erfolgversprechendes Start Up. Und nun hockt er in einem Wendehammer und macht sich dort wenige Freunde. Er tritt auf Schildkröten des Nachbarn – hat aber nichtmal einen Finger in der Mülltonne. Er verbarrikadiert sich in seinem Gemäuer, streitet sich derweil mit Nachbar Abendroth (Joachim Bißmeier) um Tannen. Und er trinkt Club Mate, während er tagein, tagaus auf seine Kamera-Bildschirme glotzt. Auch, wenn die Kommissare um die Ecke kommen.

Die heißen Brix (Wolfram Koch) und Janneke (Margarita Broich) – und die beiden sind im Frankfurter Sommer chronisch unterbeschäftigt. Sie putzen über den Schreibtisch, spitzen andauernd ihre Bleistifte an und sind froh, als Engels‘ Nachbarin Betti Graf (Cornelia Froboess) um die Ecke kommt. Herr Abendroth sei weg, bestimmt tot, behauptet die Hobby-Kriminologin. Der melde sich doch sonst immer, wenn er verreist – wegen der Blumen. Und der Mörder: Natürlich, Engels. Das sei eben „ein wirklich böser Mensch“, sagt Graf. Ein anderer Nachbar sagt über Engels:“Das ist kein lieber Mann.“ Kein Wunder: Engels hat’s nämlich nicht einmal mit Tieren. Die fischen die Kommissare später tiefgefroren aus dessen Kühltruhe. Sein einziges  Lebewesen: Cassie, sein Haussystem. Eine Computerstimme, die mit ihm spricht. Immerhin etwas im Leben. Schließlich hat er nicht nur sein Start Up verloren, auch seine Schwester – sie ist irgendwann vom Balkon gefallen, heißt es, kein Wunder, hatte sie doch neben Esoterik- und Psychokram auch Räucherstäbchen in ihrer Bude – ist futsch, die Eltern früh verstorben.

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Hat nichtmal einen Finger in seiner Mülltonne: Nils Engels (r.)

Aber die illustre Nachbarschaft ist da noch lange nicht auserzählt. Während Graf ständig alles und jeden beobachtet von ihrem Fenster aus, an ihrer Schreibmaschine Krimis tippt, taucht der scheinbar tote Abendroth irgendwann auf und läuft in Hawaii-Shorts herum oder schlürft Cocktails am eigenen Pool. Rentner müsste man sein. Bei Langeweile zockt er gegen Graf Rommé. Normal. Einer von Engels‘ Nachbarn ist Opernsängerin Olga (Susanne Schäfer, u.a. Das Haus am Ende der Straße), die zwei Möpse zuhause hält und mit denen Gassi geht. Der jüngste Nachbar heißt Franky, eine der toten Katzen Strietzel. Brix und Janneke haben also die Ehre, in diesem seltsamen Wendehammer das vermeintliche Ableben von Abendroth zu untersuchen. Ein Heidenspaß – für alle. Auch für uns Zuschauer.

Denn „Tatort: Wendehammer“ aus der Feder von Stephan Brüggentheis und Andrea Heller könnte irgendwo in Absurdistan verenden, wird dank der Regie von Markus Imboden (u.a. Einmal wirklich sterben) aber zu einer brutal unterhaltsamen Krimikomödie. Die Machweise ist flott, wirkt weniger albern, als man es meinen könnte, sondern schlichtweg hochgradig lustig. Man nimmt sich und das Gesehene lange Zeit nicht allzu ernst. Das Ensemble findet obendrein ebenfalls sichtlich Gefallen am illustren Figurengeflecht. Das Buch lässt auch gar nichts aus: Der Polizeihund heißt Roland – Apropos: Roeland Wiesnekker! Der spielt den Polizeichef – leider zum letzten Mal – Henning Riefenstahl, und immer wenn der kommt, dann wird’s sowieso lustig. Ein Sprücheklopfer der guten Sorte.

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Dank Betti Graf (l.) kriegen die beiden Kommissare endlich mal wieder einen echten Mord.

Die beiden Ermittler können einem derweil echt Leid tun. Brix und Janneke würden gerne mal wieder einen Mord bekommen, kriegen aber bloß tote Tiere. Zum Verzweifeln. „Vielleicht kriegst du ja morgen einen echten Mord“, muntert dann auch Brix‘ Mitbewohnerin Fanny (Zazie de Paris) auf ihrer Geburtstagsfeier den entnervten Kommissar auf. Sommer in Frankfurt – und keiner stirbt, das gibt’s doch gar nicht. Stattdessen nervige Nachbarsgeschichten, die man gar nicht hatte wissen wollen. Mein Mitleid haben sie! Wenigstens gibt’s noch legendäre Tanzeinlagen for free.

Fazit

 

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Ein Sommer ohne Mord? Schlimm – finden sogar die Tauben.

Doch Fannys Worte werden dann erhört, in der letzten halben Stunde geht’s um Massive Data, sprich: um die hochtechnologisierte Welt mit allen Tücken des Internets. Constantin von Jascheroff taucht als Engels‘ StartUp-Kollege auf der Bildfläche auf. Aus dem lustvoll-ironischen Streifen wird dann urplötzlich ein lächerlich-übertriebenes Etwas, das das vorher Gezeigte betrübt in den Hintergrund rücken lässt. Zwar warten die Macher noch mit einer gelungenen Schluss-Pointe auf, aber na ja: Schade. Da wird viel verspielt über die Nachbarschaft der ständig Laub blasenden Leute Frankfurts. Doch eine Erkenntnis lässt noch Aufklärungsbedarf offen: Brix hat im früheren Leben mal gesurft. In Gütersloh. Sachen gibt’s.

tatort-plakatBEWERTUNG: 7/10
Titel:Tatort: Wendehammer
Erstausstrahlung: 20.12.2016
Genre: Krimi
Regisseur: Markus Imboden
Darsteller: u.a. Margarita Broich, Wolfram Koch, Roeland Wiesnekker, Jan Krauter
 
Bilder: ARD, HR/Degeto/Bettina Müller
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