Sieben Minuten nach Mitternacht – Leben bedeutet loslassen

Sieben Minuten nach Mitternacht mit Lewis MacDougall
Manchmal schafft es ein Film, Dinge in einem neuen Licht stehen zu lassen. Er nimmt seine Zuschauer mit auf eine emotionale Reise, erzählt seine Geschichte aufrichtig und authentisch. „Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist ein Film solchen Formats. Die Handlung rund um den Jungen Conor, der seine Mutter an Krebs verliert, ist harter Tobak. Doch der eigentliche Verdienst der Buchumsetzung von Regisseur J. A. Bayona (Penny Dreadful) ist ein anderer.

„Sieben Minuten nach Mitternacht“ macht begreifbar, was der Horror der Krebsdiagnose in einem Kind auslöst. Ähnlich wie in „Pans Labyrinth“ flüchtet sich Conor in eine Phantasiewelt, genauer: Er ruft sich ein Monster herbei. Als Symbol der Trauerbewältigung schallt Liam Neesons (Non Stop) dröhnende Stimme durch den Kinosaal, die dem Kind die traurige Wahrheit näher bringen muss. In phantasievollen Wasserfarben-Collagen bringt das Monster Connor Stück für Stück näher an das Unausweichliche, das Unaussprechliche.

Felicity Jones in Sieben Minuten nach Mitternacht
©Studiocanal

Zwar erstaunt der Film durch seinen effektvollen Bombast sobald das Monster die Bühne betritt, doch im Kern ist „Sieben Minuten nach Mitternacht“ eine rührende Geschichte eines Sohnes, der seine Mutter nicht verlieren möchte. Lewis McDougall, dessen Mutter selbst vor ein paar Jahren starb, stellt Connor derart glaubwürdig dar, dass das Publikum nicht die Augen abwenden kann. Im Zusammenspiel mit Felicity Jones (Star Wars Rogue One) als krebskranke Mutter entwickeln sich Momente voller Aufrichtigkeit und Wahrheit.

Der heimliche Star des Films ist jedoch Sigourney Weaver (Exodus). Sie spielt die Oma des Jungen, die sich mit der Situation arrangieren und ein traumatisiertes Kind behüten muss. Leise Szenen, die sich im Herzen des Zuschauers festsetzen, die eine Stille im Saal evozieren, wie man sie selten erlebt, sind die Stärken des Films. Bayona nutzt geschickt die Stille als Stilmittel, lässt das lärmende Monster Häuser zerstören, nur um im nächsten Moment eine fassungslose Weaver in den Vordergrund zu rücken. Ihre feuchten Augen, ihre zitternden Hände – der Krebs als Damoklesschwert immer über den Figuren schwebend.

Sieben Minuten nach Mitternacht – Fazit

Sieben Minuten nach Mitternacht Poster„Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist ein sehenswerter Hybrid aus Effekt- und Independentkino. Seine Figuren sind angesichts des Überlebenskampfes der Mutter voller Leben, ihre Gefühle und Handlungen haben ein Geltungsrecht. Nachvollziehbar in ihrer Wut und Trauer, ergreifend in ihrer Darstellung. Das ist Kino, wie man es auf der Leinwand sehen muss. Aber halt, das wäre zu fordernd. Lieber den nächsten Gute-Laune-Blockbuster im Kinosaal nebenan. Man will sich ja nicht noch mit unbequemen Themen auseinandersetzen. So fristet „Sieben Minuten nach Mitternacht“ ein Schattendasein, alleingelassen von Publikum und Verleih Studiocanal, obwohl alles an ihm nach innerer Größe schreit. Man muss nur lernen hinzusehen.

Filmtitel: Sieben Minuten nach Mitternacht
Erscheinungsjahr: 2017
Laufzeit: 109 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Autor Patrick Ness, Siobhan Dowd
Regisseur: J. A. Bayona
Darsteller: Lewis MacDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver, Liam Neeson, Toby Kebbell, Geraldine Chaplin

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