Marketa Lazarova – Wahnsinn & Liebe

Szene aus Marketa Lazarova
Wie beschreibt man Bewusstseinszustände? Wie etwas in Worte fassen, das sich selbst jeglicher Formalität entzieht? Regisseur Frantisek Vlacil hat mit „Marketa Lazarova“ ein Werk geschaffen, das sich üblichen Bewertungs- und Einordnungsmustern entzieht. Ein Film, der irgendwo zwischen „Es ist schwer ein Gott zu sein“ und „Apocalypse Now“ mäandert, eine Reise in die Finsternis im 13. Jahrhundert darstellend.

Wer auf einen roten Faden hofft oder erwartet Charakterentscheidungen ausbuchstabiert zu bekommen, wird hilflos zurückgelassen. Vlacil hat kein Interesse daran, es dem Zuschauer leicht zu machen. Viel eher mutet „Marketa Lazarova“ wie ein geplanter Unfall an. Die Summe seiner Teile mögen zufällig arrangiert erscheinen, doch jede Szene ist unbändigem Stilwillen unterworfen. Jede Geste, jeder Wortfetzen, jegliche Atonalität ist genauestens geplant und arrangiert. Zum Teufel mit dem Publikum, das es sich bei einem Glas Wein im Kinosaal gemütlich machen wollte.

Marketa Lazarova – der beste tschechische Film aller Zeiten

Das 165 Minuten lange Mammutwerk gilt als Meilenstein des tschechischen Kinos. Die Dreharbeiten selbst sind inzwischen in den Mythos der Filmgeschichte eingegangen. Von maßlosen Budgetüberschreitungen, gefährlichen Außendrehs und pedantischem Blick fürs Detail, enthält „Marketa Lazarova“ alles, um seinem Ruf gerecht zu werden.

Marketa Lazarova Bild
©Bildstörung

Die eigentliche Geschichte ist schnell erzählt. Sie handelt vom Tyrannen Kozlik, der zusammen mit seinen Söhnen für Angst und Schrecken im Land sorgt. Der König sendet daraufhin Männer aus, die Familie zur Strecke zu bringen. Eigentlich keine ungewöhnliche Handlung für einen Historienfilm. Doch ist der Verzicht auf filmische Konventionen ein Schritt in eine völlig andere Richtung, als es amerikanische Vertreter dieser Gattung Film versuchen.

Regisseur Vlacil ist dabei näher an der Wahrheit, als seine Kollegen. Sein bruchstückhafter Film erklärt wenig, zieht den Zuschauer jedoch in das Innenleben seiner Figuren hinein. Plötzlich meint man, diese Zeit des 13. Jahrhunderts nicht nur auf der Leinwand zu beobachten, sondern auch fühlen, ja beinahe sogar schmecken zu können. Das Spiel Vlacils mit Bild und Ton verdichtet sich zu einer schwarz-weißen Symphonie der Unbarmherzigkeit, in der für Unschuld kein Platz mehr ist.

Marketa Lazarova – Fazit

Marketa Lazarova Cover„Marketa Lazarova“ lässt uns tief in die Bewusstseinszustände der Menschen dieser Zeit blicken. Zwar ist es mühsam und anstrengend, doch ist Vlacils Werk unmittelbarer als jedes Lehrbuch über jene Zeit oder westliche Historienfilme. Marketa Lazarova ist kein Spielfilm in dem Sinne, wie es heutzutage verstanden wird. Er begreift das Medium Film auf gänzlich andere Weise, zerpflückt Sehgewohnheiten, wie andere die Blüten einer Blüte abreißen. Es ist eine Tortur, ein in Wahnsinn gegossenes Bild einer vergangenen Zeit, in der Menschen liebten, hassten und lebten. Fast wie heute, möchte man meinen. Fast.

Titel: Marketa Lazarova
Laufzeit: 165 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Historienfilm
Produktionsland: Tschechien
Regisseur/Autor: Frantisek Vlacil
Darsteller: Magda Vásáryová, Josef Kemr, Ivan Palúch, Frantisek Velecký

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