Lion – Das 1×1 des Oscarfilms

Lion mit Dev Patel

Was wäre Hollywood nur ohne seine Herzschmerz-Geschichten? Geschichten, die das Leben schreibt und die so unglaublich klingen, dass sie einfach wahr sein müssen. Denn welcher Drehbuchautor würde schon auf solche Ideen kommen? Mit „Lion“ hat das Jahr 2017 den perfekten Kandidaten dieser Sparte Film. Alle Zutaten sind im großen Topf der Feel-Good-Brühe vorhanden. Eine fremde Kultur, die sich in prächtigen Farben zeigen lässt und gerade so weit vom westlichen Lebensstandard entfernt ist, dass wir uns überlegen fühlen dürfen. Dazu eine Geschichte, die tatsächlich so ähnlich stattgefunden hat und sich über Jahrzehnte spannt. Nicht zu vergessen ein sympathischer Protagonist, der allen Widrigkeiten zum Trotz sein Ziel nicht aus den Augen lässt – Selbstzweifel für die obligatorische Heldenreise inklusive.

Das klingt jetzt erst einmal zynisch. Wieso sich nicht von den schillernden Farben Indiens und des harten Lebens des kleinen Saroo vereinnahmen lassen? Ja, wieso eigentlich nicht? Die Handlung des Films ist schließlich wirklich tieftraurig und jemand, der auch nur einen Funken Empathie im Leib trägt, wird Saroos spätere Zerrissenheit nachvollziehen können. Regisseur Garth Davis vertraut viel zu sehr darauf Indien in prächtiges Licht zu rücken und widmet sich weniger den tieferen Fragen, die hinter all dem stecken. Kindeshandel und Armut, eigentlich bedrückende Themen, werden so verpackt, dass sie für den Zuschauer „angenehm“ konsumierbar sind.

Nicole Kidman in Lion
Hier wird niemandem vor den Kopf gestoßen. Dafür sehen die Darsteller (im Gegensatz zu ihren realen Pendants) zu perfekt aus, sind die Sets in zu warmen Farben gehalten. Saroos Leidensweg verkommt zum Abenteuer für das westliche Publikum ohne tiefe Erkenntnisse zu hinterlassen. Nur selten dringen Momente aus dem dicken Schlick des Feel-Good-Films hervor. Etwa wenn Nicole Kidman (Stoker) in einer großartigen Szene den Grund für Saroos Adoption nennt oder sein Zwillingsbruder an seiner Vergangenheit verzweifelt.

Lion – Fazit

lion-posterDas sind aber eher Randnotizen, die Saroos Odyssee im Wege stehen. Wie gut Davis die Mechanismen dieser Art von Film beherrscht, beweist sich in den letzten Minuten des Films, wenn Saroos Suche kurz vor der Auflösung steht. Selbst jemand, der eigentlich genug von solchen Filmen hat, wird mitfiebern. Das wird – wie könnte es auch anders sein – vom unglaublich unpassenden und schmalzigen Popsong mit Einsetzen des Abspanns aber wieder zunichte gemacht. Der Acadamy gefällts. Wer hätte das gedacht.

Titel: Lion
Produktionsjahr: 2016
Laufzeit: 129 Minuten
Kinostart: 23.2.2017
Bildrechte: Universum Film
Regisseur: Garth Davis
Darsteller: Dev Patel, Nicole Kidman, David Wenham, Sunny Pawar, Rooney Mara,

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