KOMM UND SIEH – EIN UNVERGESSLICHER SCHRECKEN

Deutsche Soldaten haben Fljora in ihrer Gewalt.
Es gibt nur wenige Filme, die das Medium an sich einen Schritt voranbringen; die so groß sind, dass sie die Leinwand beinahe sprengen. KOMM UND SIEH ist einer jener seltenen Sorte. Regisseur Elem Klimow lässt den Zuschauer nicht für einen einzigen Moment vom Haken, denn was er erzählt, trägt er mit einer Wucht vor, die einem den Atem aus den Lungen presst.

Der 13-jährige Fljora schließt sich im kriegsverseuchten Weißrussland den Partisanen an, um gegen Nazis zu kämpfen. So ließe sich KOMM UND SIEH beschreiben, doch entspricht das nicht der Wahrheit, ja kommt ihr nicht einmal nahe. Denn der Film ist ein Bombardement für die Sinne, ein Ausrufezeichen dessen, was möglich ist, wenn eine Vision ungetrübt von der Kamera eingefangen wird. KOMM UND SIEH wagt sich in solch brüchige und schwer zu manövrierende Gefilde, dass es beinahe unmöglich ist, sie in ihrer Gänze zu erfassen. Wo Antikriegsfilme die Feuergefechte nutzen, um den Adrenalinpegel sowie die Spannungsschraube aufzudrehen, verstellt sich Klimows Werk sämtlichen Konventionen.

Der Zuschauer hat, darf und soll hier keinen Spaß haben. Er soll auch nicht unterhalten werden. Viel eher hypnotisiert Fljoras Reise in die Abgründe der Menschlichkeit wie ein grauenerregender Albtraum. Was Francis Ford Coppola im letzten Drittel von APOCALYPSE NOW versuchte, gelingt Klimow hier von Anfang bis Ende. Watet Fljora durch einen Sumpf, seine tote Familie hinter sich und eine ungewisse Zukunft vor sich, verliert auch das Publikum seine Unschuld. Die anfangs noch idealisierenden und naiven Kinderaugen weichen einer kalten, inneren Leere, die sich nicht mehr füllen mag. Zu viel hat Fljora gesehen, zu viel musste der Zuschauer mit seiner Hauptfigur durchleiden. Die Kamera von Aleksey Rodionov zwingt mittels extremer Close Ups, jegliche Regung in den Gesichtern der Darsteller nachzuverfolgen.

Die Tortur, die sie ertragen, spiegelt sich in ihren Mienen, den Schrammen auf ihrer Haut, dem leidvollen Auge, das matt glänzt. Rodionov und Klimow sezieren den Wahnsinn des Krieges, dringen in das Innerste des Menschseins vor. Beinahe überirdisch schöne Bilder wechseln sich ab mit Paradigmen des Wahnsinns. Eine aufkeimende, unschuldige Liebe geht anhand der Gräuel um sie herum zugrunde. Ab welchem Punkt hört der Mensch auf menschlich zu sein? Wo liegt der Point of no return? Oder gibt es ihn gar nicht und ein wenig Hitler steckt in jedem von uns? Klimow, der sein Werk ursprünglich ganz plakativ KILLING HITLER nennen wollte, scheint sich diese Fragen zumindest beantwortet zu haben.

KOMM UND SIEH – FAZIT

Plakat zu Komm und Sieh
Sein KOMM UND SIEH ist ein schrecklich schönes Werk, das provoziert, wo es muss und sich niemals scheut, die Wahrheit zu zeigen. Das mag für so manchen ein Schock sein, doch einer, der nötig ist. Die unglaubliche Leistung des Schauspielneulings Aleksei Krawtschenko als Fljora, das wirkungsvolle und originelle Sounddesign, die Bilder, die untrügliche Gewissheit der Inszenierung – hier gibt es nicht einen Frame, der unstimmig wirkt. KOMM UND SIEH besitzt seinen Status als Meisterwerk des Antikriegsfilms zurecht, da er sich weigert, das Grauen als Unterhaltung anzusehen, sondern den Finger tief, unendlich tief, in die Wunde steckt. Der Titel des Films mag wie eine unschuldige Einladung wirken, doch ist es eher als Aufforderung zu verstehen. Verschließe nicht deine Augen vor dem, was geschehen ist. Niemals. Wer KOMM UND SIEH gesehen hat, wird ihn niemals vergessen können. So viel ist sicher.

Google+
Pinterest

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.