DEAR EVAN HANSEN – GUT GESUNGEN IST NICHT GUT GEMACHT

Ben Platt in Musicalverfilmung Dear Evan Hansen.
@Universal Pictures

Die Kunstform Musical kann es schaffen, mit nur einem einzigen Song die Welt zu öffnen. Sei es das Innenleben ihrer Figuren, das Hauptthema des Stückes oder im besten Falle beides zusammen. DEAR EVAN HANSEN versucht das mehrere Male und scheitert auf beinahe gesamter Linie. Wo anderer Genrevertreter es schaffen, einzelne Elemente wie ein Uhrwerk ineinander übergehen zu lassen, bleibt es hier genau das: Einzelne Momente, die glänzen, aber nicht in der Summe überzeugen.

Aber der Reihe nach. Im Zentrum der Geschichte steht Evan Hansen – ein Teenager, wie ihn das Publikum gerne sieht. Ein Außenseiter nämlich, der zunächst seinen Platz in der Welt sucht und im Laufe der Geschichte über sich hinauswächst. So weit, so bekannt. Jedoch vermischt das ursprüngliche Broadway-Musical diese Mixtur mit einer gehörigen Portion psychischer Krankheiten. Denn Evan Hansen ist depressiv, nimmt eine Vielzahl an Medikamenten. Er leidet an Panikattacken, einer Sozialphobie und ist weit davon entfernt, ein Held zu sein oder es überhaupt zu wollen.

Hier begibt sich der Filmstoff auf einen schmalen Grat. Denn mentale Gesundheit von Jugendlichen, Suizid und Trauerbewältigung sind Themen, die mit Bedacht angegangen werden müssen. Mit Regisseur Stephen Chbosky ist zumindest ein Mann am Ruder, der weiß, wie die Fragilität eines Heranwachsenden zu inszenieren ist. Sein PERKS OF BEING A WALLFLOWER hat es bewiesen. Leider scheint ihm die Empathie und Feinfühligkeit verloren gegangen sein.

Das liegt nicht am Cast, der alles versucht, um den Film zu retten. Julianne Moore, Amy Adams, insbesondere aber Amandla Stenberg und Kaitlyn Dever, pressen aus den generischen Songs und Szenenabfolgen so viel Emotionen wie nur möglich. Lediglich Hauptdarsteller Ben Platt, der die Titelfigur schon im Musical spielte, fällt ab. Der fast 30-jährige wirkt in der Rolle des High Schoolers Evan Hansen von Anfang an unglaubwürdig. Das Mantra Hollywoods, 16-jährige Figuren mit Mitzwanzigern zu besetzen, findet hier ihren Höhepunkt. Platt kann sich noch so abstrampeln und Hansens Neurosen mit zuckenden Händen, Augen, Füßen darstellen, doch glaubhafter als Channing Tatum in 21 JUMP STREET wird es nicht.

Die Songs aus den Federn von Benj Plasek und Justin Paul (LA LA LAND & THE GREATEST SHOWMAN) helfen dabei wenig. Vorangegangene Großtaten können nicht über die uninspirierte Musik hinwegtäuschen, die sich über DEAR EVAN HANSEN legt. Ein, zwei hörenswerte Momente von Stenberg und Dever – der Rest versinkt in der Mittelmäßigkeit dieser Produktion. Wo andere Musicals es schaffen, Song und Bildsprache miteinander zu kombinieren, um Großes zu erschaffen, ist Beides in diesem Fall erschreckend eintönig.

DEAR EVAN HANSEN – Fazit

Plakat zu Dear Evan Hansen
@Universal Pictures

DEAR EVAN HANSEN bricht unter dem Gewicht seiner großen Themen zusammen. Weder die Musik noch die visuellen Elemente können Akzente setzen. Das hingebungsvolle Ensemble wird von einer einzigen alles überschäumenden Casting-Fehlentscheidung zerpflückt. Das ist schade, denn in dieser Produktion schlummert Talent an allen Ecken und Enden. Doch nützt es nichts, wenn nicht zusammenfindet, was zusammengehört. So fühlt sich das Publikum so enttäuscht wie Evan Hansen, der am Fenster steht und darauf wartet, dass ihm gewunken wird. Doch wer nicht winkt, kann nicht erwarten, dass die Geste erwidert wird.

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